Warum wir fühlen, wie wir fühlen: Das Modell der Polyvagaltheorie

Ein anschauliches, aber umstrittenes Modell dafür, was in uns vorgeht, wenn wir uns sicher oder bedroht fühlen.

In der Gestalttherapie spielt der Kontakt im Hier und Jetzt eine zentrale Rolle. Viele Menschen, die unter Ängsten, Erstarrung oder innerer Unruhe leiden, erleben eine verlässliche Beziehung als entlastend.

Aber warum ist das so? Warum kann eine echte Begegnung Angst lindern? Und warum bleiben wir manchmal trotz aller kognitiven Einsicht in alten Mustern stecken?

Eine mögliche Antwort bietet die Polyvagal-Theorie von Dr. Stephen Porges. Viele in der Traumaarbeit nutzen sie als anschauliches Denkmodell. Ihre physiologischen Grundannahmen sind in der Forschung allerdings umstritten. Ich verwende sie hier als Bild, nicht als bewiesene Biologie.

In diesem Artikel stelle ich Ihnen dieses Modell vor. Es kann helfen, eigene Reaktionen nicht als „Fehler“ zu sehen, sondern als Versuche, sich zu schützen.

 

Das Modell: Drei Zustände von Sicherheit und Gefahr

Um zu verstehen, wie wirkliche Veränderung passiert, müssen wir aufhören, unseren Kopf (den Kortex/Verstand) als den alleinigen Chef zu betrachten. In Stresssituationen reagiert der Körper oft schneller, als wir denken können. Daran sind viele Hirnregionen und das Autonome Nervensystem (ANS) beteiligt. Eine seiner Aufgaben ist es, uns auf Gefahr einzustellen.

Die Polyvagal-Theorie beschreibt, dass unser Nervensystem nicht nur binär funktioniert – also nicht nur „An“ (Stress) oder „Aus“ (Entspannung) kennt. Es ist wesentlich komplexer aufgebaut. Nach dem Modell scannt es permanent die Umgebung sowie das Körperinnere nach Gefahr, Porges nennt das Neurozeption. Das Entscheidende dabei ist: Dies passiert weit unterhalb Ihrer bewussten Wahrnehmung. Bevor Sie den Gedanken fassen „Hier ist es unheimlich“, hat Ihr Körper bereits reagiert.

Stellen Sie sich Ihr Nervensystem wie eine interne Ampel mit drei Farben vor. Je nachdem, welche Farbe gerade aktiv ist, verändert sich in diesem Bild vieles: wie Sie denken, wie Sie fühlen, wie Sie hören und wie Sie mit anderen Menschen in Kontakt treten können.

 

Grün im Modell: Der ventrale Vagus (Sicherheit und soziales Engagement)

Das ist der Zustand, in dem wir uns wohlfühlen, der „Idealzustand“ für das menschliche Miteinander.

 

  • Modell: Porges beschreibt hier einen entwicklungsgeschichtlich „neuesten“ Zweig des Vagusnervs. Gerade diese Annahme wird in der Forschung bestritten.
  • Erleben: Sie sind entspannt, aber wach und aufmerksam. Sie können Blickkontakt halten, Stimmen in ihrer feinen Nuancierung wahrnehmen und sich in andere einfühlen. Sie fühlen sich verbunden und „in Ihrer Mitte“.
  • In der Therapie: In einem Zustand, in dem wir uns sicher fühlen, fällt es den meisten Menschen leichter, sich zu öffnen und Neues auszuprobieren.

 

Gelb im Modell: Der Sympathikus (Mobilisierung, Kampf oder Flucht)

Das System wittert Gefahr. Die Ampel springt auf Gelb. Dies ist der Modus der Aktion.

  • Biologie: Stresshormone wie Adrenalin und Cortisol werden ausgeschüttet. Blut fließt aus den Organen in die Muskeln. Der Herzschlag steigt rapide an.
  • Erleben: Wir werden unruhig, vielleicht aggressiv oder ängstlich. Der Fokus verengt sich massiv (der sogenannte „Tunnelblick“). Wir hören weniger auf die Zwischentöne, sondern scannen die Umgebung nach Bedrohung.
  • Der Sinn: Energie bereitstellen, um gegen eine Gefahr zu kämpfen oder vor ihr wegzurennen. Das ist keine Störung, sondern eine gesunde, lebensrettende Reaktion auf akuten Stress!
  • Das Problem: Nach belastenden Erfahrungen bleiben manche Menschen dauerhaft „auf dem Sprung“, sind reizbar, schlaflos oder gestresst, obwohl die Gefahr längst vorbei ist. Das Bild steckengebliebener Energie ist eine Metapher.

 

Rot im Modell: Der dorsale Vagus (Erstarrung und Shutdown)

Wenn Kampf oder Flucht objektiv nicht möglich sind (weil die Bedrohung zu groß ist oder wir zu klein oder hilflos sind), beschreibt das Modell eine Art Notbremse.

 

  • Modell: Porges schreibt diesen Zustand einem „alten“ Zweig des Vagusnervs zu und vergleicht ihn mit dem Totstellreflex bei Tieren. Auch diese Zuordnung ist umstritten.
  • Erleben: Wir fühlen uns taub, leer, kraftlos, niedergeschlagen oder dissoziiert („nicht ganz da“, wie im Nebel). Der Körper fühlt sich schwer an, jede Bewegung kostet Kraft.
  • Der Sinn: Im Modell ein letzter Schutz in einer ausweglosen Situation.
  • In der Praxis: Viele Menschen verwechseln diesen Zustand mit „Ruhe“, weil sie sich äußerlich nicht bewegen. Im Erleben kann er sich aber sehr anstrengend anfühlen.

 

Warum Reden allein oft nicht beruhigt

Das Spannende – und für viele auch Entlastende – an dieser Sichtweise ist: Sie können sich meist nicht einfach „entscheiden“, sich sicher zu fühlen, wenn Ihr Körper Alarm schlägt.

Das erklärt, warum gut gemeinte Ratschläge wie „Beruhigen Sie sich doch mal“ oder „Es ist doch objektiv gar nichts los“ bei Menschen mit Traumaerfahrung oft nicht funktionieren. Im Gegenteil, sie erzeugen oft Scham („Warum kriege ich das nicht hin?“). Traumatische Erfahrungen können sich so anfühlen, als fänden sie gerade jetzt statt, mit Alarm oder Erstarrung im Körper.

 

Die Brücke zur Gestaltarbeit

Die Gestalttherapie betont schon immer die Wichtigkeit des „Hier und Jetzt“. Wir müssen spüren, was ist. Die Polyvagal-Theorie bietet dafür ein anschauliches Bild: Argumente allein beruhigen nach einem Trauma oft nicht. Darum achtet die Gestaltarbeit auch auf das körperliche Erleben von Sicherheit. Das spricht nicht gegen kognitive Traumatherapien, die gut untersucht sind.

 

Was das Modell für die therapeutische Arbeit bedeuten kann

In der Gestalttherapie achten wir auf das, was sich im Körper zeigt. Das Modell gibt dafür eine anschauliche Sprache.

Diese Aspekte können in einer therapeutischen Begleitung eine Rolle spielen:

 

Co-Regulation: Beruhigung durch Beziehung

Besonders kleine Kinder und Menschen unter hohem Stress beruhigen sich oft leichter in Verbindung mit anderen. In den Sitzungen bemühe ich mich, ruhig und zugewandt zu bleiben, auch wenn Angst oder Erstarrung auftauchen. Viele Menschen erleben eine solche Präsenz als beruhigend.

 

Körpersignale wahrnehmen

Manchmal erzählt jemand von schmerzhaften Erlebnissen mit ganz ruhiger Stimme, während der Atem plötzlich stockt. Der Körper kann dann etwas anderes ausdrücken als die Worte. In der Gestalttherapie kann man an dieser Stelle innehalten und fragen: „Was spüren Sie gerade in Ihrem Körper?“ So kann eine unbewusste Reaktion bewusst werden. Das kann das Vertrauen zum eigenen Körper stärken.

 

Titration: In kleinen Dosen vorgehen

Wer lange unter starker Belastung stand, kann von zu viel Gefühl („Katharsis“) schnell überflutet werden. Wenn es zu schnell zu tief geht, kann das Erleben wieder abschalten – das kann retraumatisierend wirken. Sinnvoll ist daher ein dosiertes Vorgehen, im Somatic Experiencing Titration genannt. Dabei geht es darum, Schmerz oder Wut nur so lange zu berühren, wie es tragbar bleibt, also im von Daniel Siegel beschriebenen „Window of Tolerance“ (Stresstoleranzfenster). Wird es zu viel, hilft die Hinwendung zu Sicherheit und Ressourcen. So kann nach und nach die Fähigkeit wachsen, intensive Gefühle auszuhalten.

 

Körperimpulsen Raum geben

Peter Levine, der Begründer des Somatic Experiencing, beschreibt, dass Tiere sich nach einer Gefahr schütteln, und überträgt das auf Menschen. Belegt ist diese Übertragung nicht. In der Gestalttherapie kann es darum gehen, einem Körperimpuls achtsam Raum zu geben, wenn er auftaucht. Das kann etwa ein tiefes Aufatmen sein oder eine kleine Bewegung. Manche Menschen erleben danach Erleichterung.

 

Was bedeutet das konkret für Sie?

In einer gestalttherapeutischen Begleitung geht es nicht darum, Ihre Themen als Defizit oder Charakterschwäche abzustempeln. Ob Sie Schwierigkeiten haben, Grenzen zu setzen, sich in Beziehungen verlieren oder sich oft innerlich leer fühlen, das Modell bietet dafür einen wertfreien Blick:

 

  • Das Verhalten, das Sie heute stört, kann früher eine sinnvolle Lösung gewesen sein, um Sie zu schützen.
  • Erstarrung ist keine Schwäche, sondern kann ein Schutz vor überwältigendem Schmerz gewesen sein.
  • Aggression kann der Versuch gewesen sein, sich zu mobilisieren und für sich einzustehen.

 

Wir würdigen diese Überlebensstrategien, denn sie hatten einmal einen guten Grund.

Das Bild der Ampel kann helfen, den eigenen Zustand besser einzuordnen. Die Gestalttherapie arbeitet mit Dialog, Kontakt und dem Ausprobieren, und sie bezieht den Körper mit ein.

 

Fazit: Vom bloßen Überleben zurück ins Leben

Die Polyvagal-Theorie ist für mich keine Methode, sondern ein Denkmodell, das manchen Menschen hilft, ihre Reaktionen besser einzuordnen. Das kann Scham und Schuldgefühle verringern („Warum bin ich so?“). Ein Ziel kann sein, im Umgang mit Anspannung und Rückzug beweglicher zu werden. Dass Sie sich aufregen können, wenn es nötig ist, sich zurückziehen können, wenn Sie Ruhe brauchen, und immer wieder in Verbindung und Lebendigkeit zurückfinden.

Genau dort findet das eigentliche Leben statt.

 

Kleines Lexikon der Nervensystem-Begriffe

Damit Sie auch komplexe Zusammenhänge besser verstehen, hier die wichtigsten Begriffe kurz erklärt:

  • ANS (Autonomes Nervensystem): Der Teil des Nervensystems, den wir nicht willentlich steuern können. Es regelt Herzschlag, Verdauung, Atmung und vor allem unsere Stressreaktionen.
  • Vagusnerv: Der wichtigste Nerv des parasympathischen Systems (Entspannung). Er verbindet das Gehirn mit fast allen Organen. Die Polyvagal-Theorie unterscheidet hier zwei Äste (den neuen ventralen für soziale Sicherheit und den alten dorsalen für Notabschaltung).
  • Neurozeption: Porges’ Begriff für eine unbewusste Risikoeinschätzung.
  • Window of Tolerance (Stresstoleranzfenster): Von Daniel Siegel beschriebener Bereich an Erregung, den wir aushalten können, ohne die Kontrolle zu verlieren oder abzuschalten.
  • Co-Regulation: Sich gegenseitig durch Nähe, Stimme und Zuwendung beruhigen. Besonders für kleine Kinder ist das wichtig, auch Erwachsene erleben es oft als hilfreich.

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Disclaimer

Dieser Artikel dient ausschließlich der neutralen Information und psychologischen Aufklärung. Er ersetzt keinesfalls eine professionelle medizinische oder psychotherapeutische Diagnostik, Beratung oder Behandlung. Wenden Sie sich bei gesundheitlichen oder psychischen Beschwerden stets an einen qualifizierten Arzt, Heilpraktiker für Psychotherapie oder approbierten Psychotherapeuten. In akuten Krisen erreichen Sie den Krisendienst Psychiatrie Oberbayern rund um die Uhr unter 0800 655 3000, bei Lebensgefahr die 112.

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Patrick Raulin-Lohr

Als Heilpraktiker für Psychotherapie und Gestalttherapeut (IGE) unterstütze ich Menschen bei Depressionen, traumatischen Erlebnissen, Angststörungen sowie Anpassungsstörungen. In meiner Praxis für Psychotherapie Rosenheim (HeilprG) & Coaching begleite ich zudem auch im beruflichen Kontext, bei zwischenmenschlichen und strukturellen Herausforderungen.

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