Die Psychotherapie erlebt eine stille Erschütterung. Jahrzehntelang haben wir das Leiden des Einzelnen fast ausschließlich in dessen Familiengeschichte oder Biochemie gesucht. Doch eine neue Bewegung fordert uns auf, den Blick radikal zu weiten. „Decolonizing Therapy“ ist keine politische Parolen-Drescherei, sondern die längst überfällige klinische Erkenntnis, dass unsere Diagnose-Modelle oft westlich, weiß und privilegiert verzerrt sind. Wer heute heilen will, darf die Geschichte nicht vor der Praxistür lassen.
Stellen Sie sich vor, ein Kanarienvogel in einem Kohlebergwerk hört auf zu singen. Er lässt die Flügel hängen, atmet schwer, verliert den Antrieb. Ein herkömmlicher Ansatz würde nun den Vogel untersuchen. Wir würden seine Neurotransmitter messen, seine Kindheit im Nest analysieren oder ihm Techniken beibringen, wie er trotz der schlechten Luft besser zwitschern kann. Wir würden ihm vielleicht eine „Anpassungsstörung“ oder eine „Depressive Episode“ diagnostizieren.
Was wir dabei übersehen: Die Luft ist giftig. Der Vogel ist nicht krank – er reagiert vollkommen adäquat auf eine lebensfeindliche Umgebung.
Dieses Bild beschreibt im Kern das, was die Bewegung des „Decolonizing Therapy“ (Die Dekolonisierung der Therapie) derzeit weltweit thematisiert. Es ist ein Paradigmenwechsel, der in den USA bereits heftig diskutiert wird und nun langsam, aber unaufhaltsam, die europäischen Praxisräume erreicht. Es geht um die unbequeme Wahrheit, dass die Psychotherapie, wie wir sie kennen, nicht der neutrale, objektive Ort ist, für den wir sie lange gehalten haben. Sie ist selbst ein Produkt westlicher, eurozentrischer Geschichte – mit allen blinden Flecken, die dazu gehören.
Das Erbe des „WEIRD“-Bias
Um zu verstehen, warum dieser Ansatz so revolutionär ist, müssen wir einen Blick auf das Fundament unserer Arbeit werfen. Der Großteil des psychologischen Wissens, auf dem unsere Diagnoseschlüssel (ICD/DSM) und unsere Interventionsmethoden basieren, stammt aus Studien an einer sehr spezifischen Bevölkerungsgruppe: Menschen, die WEIRD sind – Western, Educated, Industrialized, Rich, Democratic (westlich, gebildet, industrialisiert, wohlhabend und demokratisch).
Jahrzehntelang haben wir das Erleben dieser kleinen Gruppe als die universelle Norm für „psychische Gesundheit“ definiert. Wer von dieser Norm abwich – sei es durch kulturellen Hintergrund, Hautfarbe, sozioökonomischen Status oder neurobiologische Unterschiede –, wurde pathologisiert.
Die „Dekolonisierung der Therapie“ hinterfragt genau diese Deutungshoheit. Sie stellt die These auf, dass viele Formen von psychischem Leid keine individuellen Fehlfunktionen sind, sondern direkte Folgen von systemischer Unterdrückung, Rassismus, Armut und historischem Trauma. Wenn wir als Therapeuten diese Faktoren ignorieren und versuchen, den Klienten lediglich wieder „funktionsfähig“ für das bestehende System zu machen, machen wir uns – überspitzt formuliert – zu Komplizen genau jener Strukturen, die unsere Klienten krank machen.
Von der „Ich-Du“-Beziehung zum politischen Feld
Für die Gestalttherapie, die sich in den letzten Jahrzehnten enorm weiterentwickelt hat, ist dieser Schritt eigentlich nur konsequent. Die klassische Gestalttherapie der 60er Jahre, geprägt von Fritz Perls, hatte noch einen starken Fokus auf das Individuum und dessen Autonomie. Das berühmte „Gestalt-Gebet“ („Ich mache mein Ding, und du machst dein Ding“) atmete den Geist eines radikalen Individualismus.
Doch die moderne, relationale Gestalttherapie hat längst erkannt, dass das „Ich“ ohne das „Wir“ nicht existiert. Wir sprechen in der Gestalttherapie vom „Feld“ – der Gesamtheit aller Einflüsse, in denen sich ein Organismus bewegt. Lange Zeit begrenzten Therapeuten dieses Feld auf die Familie, den Partner oder den Arbeitsplatz.
Die dekoloniale Perspektive fordert uns auf, das Feld endlich vollständig zu sehen. Das Feld beinhaltet auch: In welcher Gesellschaft lebt mein Klient? Welche Privilegien genießt er oder welche Diskriminierung erfährt er täglich? Ein schwarzer Klient oder eine Klientin mit Migrationsgeschichte trägt nicht nur die Last der eigenen Biografie, sondern oft auch die Last kollektiver Erfahrungen von Ausgrenzung. Wenn ein Therapeut diese Realität ausblendet und nur „neutral“ auf die innerpsychischen Prozesse schaut, fühlt sich der Klient nicht gesehen. Schlimmer noch: Er fühlt sich im therapeutischen Setting erneut unsichtbar gemacht („Gaslighting“).
Das Trauma steckt nicht nur im Kopf, sondern in der Struktur
Ein Kernstück dieser neuen Denkweise ist das Verständnis von Trauma. Dr. Jennifer Mullan, eine der Vordenkerinnen dieser Bewegung in den USA, spricht vom „politischen Trauma“. Es geht nicht nur um das eine schreckliche Ereignis in der Vergangenheit. Es geht um den chronischen Stress, in einer Welt zu leben, die nicht für einen gemacht ist.
Neuere somatische Ansätze, wie die von Resmaa Menakem („Somatic Abolitionism“), zeigen eindrücklich, dass sich systemische Unterdrückung nicht nur in Gedanken, sondern im Nervensystem festsetzt. Der Körper speichert die Erfahrung von Unsicherheit und Bedrohung.
Ein Beispiel aus der Praxis: Ein Klient klagt über chronische Wachsamkeit, Schlafstörungen und innere Unruhe. Ein klassischer, rein medizinisch orientierter Blick würde hier vielleicht eine generalisierte Angststörung diagnostizieren und Medikamente oder Entspannungsverfahren verschreiben. Ein dekolonialer, kontextbezogener Blick fragt weiter: Ist diese Wachsamkeit vielleicht eine notwendige Überlebensstrategie? Lebt dieser Mensch in einer Realität, in der er tatsächlich ständig auf der Hut sein muss – sei es vor rassistischen Mikroaggressionen, finanzieller Existenzangst oder behördlicher Willkür?
Wenn wir dem Klienten diese Wachsamkeit als „Symptom“ wegtherapieren wollen, ohne die Ursache im Außen zu würdigen, pathologisieren wir seine Resilienz. Wir sagen ihm quasi: „Deine Wahrnehmung der Welt ist falsch“, obwohl sie vielleicht vollkommen akkurat ist.
Die Arroganz der „Kulturellen Kompetenz“
In der Vergangenheit versuchte die Psychologie, diesem Problem mit dem Konzept der „Interkulturellen Kompetenz“ zu begegnen. Therapeuten sollten lernen, wie „andere Kulturen“ ticken. Das Problem dabei: Es macht den Therapeuten wieder zum Experten, der Wissen über den „Anderen“ ansammelt. Es schafft Distanz.
Der dekoloniale Ansatz setzt stattdessen auf „Cultural Humility“ (Kulturelle Demut). Das bedeutet für uns Behandler: Wir wissen nicht, wie es ist, in der Haut unseres Gegenübers zu stecken. Wir legen den Expertenmantel ab. Wir erkennen an, dass auch wir selbst Produkte unserer Erziehung und unserer gesellschaftlichen Position sind.
Gerade für Behandler in freier Praxis, die sich oft bewusst gegen das starre „Fünf-Minuten-Medizin“-System entschieden haben, bietet dieser Ansatz eine enorme Chance. Wir haben die Freiheit, den Menschen jenseits der Abrechnungsziffern zu sehen. Wir müssen uns nicht hinter der „Neutralität“ verstecken, die oft nur eine Chiffre für Distanz ist.
Das bedeutet konkret: Wenn ein Klient über Ungerechtigkeit am Arbeitsplatz spricht, analysieren wir nicht sofort seinen „Anteil“ daran oder suchen nach dem Vaterkonflikt. Wir validieren zunächst die Realität der Ungerechtigkeit. Wir erkennen an, dass Schmerz eine gesunde Reaktion auf ein krankes System sein kann. Erst wenn diese Validierung stattgefunden hat – wenn das „Feld“ gewürdigt wurde –, kann echte innere Arbeit beginnen.
Kritik am Diagnose-System
Ein heikler Punkt, der in der dekolonialen Debatte immer wieder aufkommt, ist die Kritik an unseren Diagnose-Bibeln (ICD/DSM). Diese Werke katalogisieren Abweichungen. Doch wer definiert die Norm?
Historisch gesehen wurde die Psychiatrie oft genutzt, um unerwünschtes Verhalten zu kontrollieren. Man denke an die Diagnose der „Drapetomanie“ im 19. Jahrhundert – eine vermeintliche psychische Krankheit, die Sklaven dazu brachte, wegzulaufen. Was uns heute absurd und grausam erscheint, war damals anerkannte Wissenschaft.
Natürlich sind wir heute weiter. Aber Kritiker weisen darauf hin, dass auch heutige Diagnosen wie ADHS oder Borderline oft stark kontextabhängig vergeben werden. Ein Kind, das in einem engen Klassenzimmer nicht stillsitzen kann, hat heute eine Störung des Hirnstoffwechsels. Dass das Schulsystem vielleicht nicht artgerecht für Kinder ist, wird ausgeblendet. Die „Schuld“ wird im Individuum lokalisiert.
Dekoloniale Therapie bedeutet nicht, Diagnosen komplett abzuschaffen. Sie können hilfreich sein, um Leiden zu benennen und Zugang zu Hilfe zu erhalten. Aber wir müssen sie „leicht“ halten. Wir dürfen den Menschen nicht mit der Diagnose verwechseln. In der Gestalttherapie sprechen wir von der „kreativen Anpassung“. Jedes Verhalten, so „gestört“ es heute wirken mag, war irgendwann einmal die bestmögliche Lösung des Organismus für ein schwieriges Problem. Anstatt das Verhalten als pathologisch zu labeln, würdigen wir die kreative Leistung dahinter – und schauen dann, ob sie heute noch dienlich ist.
Die Weiterentwicklung der Therapieschulen
Es ist wichtig zu betonen, dass dieser Wandel nicht nur die humanistischen Verfahren betrifft. Auch in der Verhaltenstherapie (CBT) tut sich etwas. Die sogenannte „Dritte Welle“ der Verhaltenstherapie (z.B. ACT – Akzeptanz- und Commitmenttherapie) rückt bereits stärker vom reinen „Gedanken-Reparieren“ ab hin zu einer Haltung der Akzeptanz und Werteorientierung.
Doch gerade die tiefenpsychologischen und humanistischen Verfahren (wie Gestalt, Gesprächspsychotherapie, Systemische Therapie) sind prädestiniert für diesen Wandel, weil sie Beziehung und Kontext schon immer höher gewichtet haben als reine Techniken.
Die Gestalttherapie „vollendet“ sich hier auf eine gewisse Weise selbst. Laura Perls, die Mitbegründerin der Gestalttherapie, betonte stets die Wichtigkeit des „Supports“ (der Unterstützung). Support ist nicht nur emotionaler Zuspruch, sondern auch physiologischer und umweltbedingter Halt. Dekoloniale Therapie fragt: Wo fehlt dem Klienten der gesellschaftliche Support? Und wie können wir im Therapieraum einen Raum schaffen, der diesen Mangel nicht leugnet, sondern benennbar macht?
Was bedeutet das für die Praxis?
Für Klientinnen und Klienten bedeutet dieser Ansatz eine enorme Entlastung. Viele Menschen kommen in die Therapie mit dem Gefühl: „Ich bin falsch. Ich bin kaputt. Alle anderen schaffen es doch auch.“
Wenn wir als Therapeuten den Kontext einbeziehen, ändert sich das Narrativ. Aus „Ich bin falsch“ wird „Mir ist Unrecht widerfahren“. Aus „Ich bin zu schwach“ wird „Ich trage eine schwere Last“. Diese Ent-Schuldung (im wörtlichen Sinne) setzt oft erst die Energie frei, die für Veränderung nötig ist.
Für uns Therapeuten bedeutet es, dass wir politisch gebildet sein müssen – nicht im parteipolitischen Sinne, sondern im soziologischen. Wir müssen verstehen, was Intersektionalität bedeutet. Wir müssen uns unserer eigenen Machtposition im Raum bewusst sein. Der weiße Stuhl des Therapeuten ist historisch gesehen ein Thron der Deutungshoheit. Diesen Thron müssen wir verlassen und uns auf Augenhöhe begeben.
Fazit: Mut zur Komplexität
Die Dekolonisierung der Therapie ist kein Trend, der wieder verschwinden wird. Sie ist die notwendige Antwort auf eine globalisierte, komplexe Welt, in der das alte Modell des „isolierten Ichs“ ausgedient hat.
Es ist eine Einladung an uns alle – Behandler wie Klienten –, den Menschen wieder als Ganzes zu sehen. Nicht als defekte Maschine, die repariert werden muss, und auch nicht als isolierte Insel. Sondern als lebendigen Organismus, der untrennbar mit seiner Welt verwoben ist. Wenn die Welt schmerzt, schmerzt die Seele. Das anzuerkennen, ist keine Politik. Es ist die Voraussetzung für echte Heilung.
Für die therapeutische Landschaft in Deutschland, die oft noch sehr an traditionellen Strukturen hängt, ist dies eine Herausforderung. Aber für diejenigen, die Therapie als einen lebendigen, emanzipatorischen Prozess verstehen, ist es der nächste logische Schritt. Wir hören auf, den Kanarienvogel zu pathologisieren. Und fangen an, über die Luft im Bergwerk zu sprechen.



