Wir befinden uns in einer historischen Phase, die Soziologen und Politikwissenschaftler als Polykrise bezeichnen. Damit ist das zeitgleiche Auftreten mehrerer existenzieller Bedrohungen gemeint: geopolitische Instabilität, ökologischer Kollaps, ökonomische Unsicherheit und gesellschaftliche Fragmentierung. Für das individuelle psychische System bedeutet dieser Zustand eine permanente Hochlast. Die zentrale Frage lautet nicht mehr, wie wir uns entspannen, sondern wie wir die funktionale Verbindung zur Realität aufrechterhalten, ohne an der reinen Menge der negativen Informationen psychisch zu kollabieren.
In der klassischen Psychologie wird oft zur Abgrenzung geraten. Doch aus der Perspektive der modernen, feldtheoretischen Gestalttherapie ist totale Abgrenzung keine Lösung, sondern Teil des Problems. Wer sich abschottet, verliert den Kontakt zur Realität und damit die Fähigkeit, adäquat zu navigieren. Wer sich hingegen ungefiltert öffnet, riskiert die emotionale Überflutung und Handlungsunfähigkeit. Die Lösung liegt in einem Dritten, einem präzisen psychologischen Mechanismus, den wir in diesem Text als Resonanz-Souveränität definieren werden.
Resonanz-Souveränität ist die trainierbare Kompetenz, die Durchlässigkeit der eigenen Wahrnehmungsgrenze aktiv zu steuern. Es ist die Fähigkeit, die Dissonanz der Welt zu spüren, sie als Information zu verarbeiten und darauf zu antworten, ohne die strukturelle Integrität des eigenen Selbst zu gefährden. Dieser Artikel analysiert die vier Säulen dieser Kompetenz, basierend auf den aktuellsten Erkenntnissen der Gestalttherapie und Neurobiologie. Wir betrachten die Phänomenologie des Leidens nach Gianni Francesetti, die neurobiologische Regulation nach Miriam Taylor, die soziale Ethik nach Frank-M. Staemmler und die Aggressionstheorie nach Albrecht Boeckh.
Die Diagnose: Warum Betäubung keine Resilienz ist
Der erste Schritt zur Resonanz-Souveränität erfordert eine präzise Diagnose des eigenen Zustands. Viele Menschen erleben in Anbetracht der Weltlage keine Trauer oder Angst, sondern eine seltsame Stumpfheit. Sie konsumieren Nachrichten über Kriege oder Katastrophen, spüren aber nichts mehr. Klinisch betrachtet ist dies kein Zeichen von Stärke oder Gelassenheit, sondern ein Symptom der Dissoziation.
Der italienische Psychiater und Gestalttherapeut Gianni Francesetti analysiert diesen Zustand als eine spezifische Störung an der Kontaktgrenze. Er unterscheidet scharf zwischen Schmerz und Abwesenheit. In einem gesunden Kontaktprozess löst der Verlust oder die Bedrohung Schmerz aus. Schmerz ist eine vitale Reaktion; er mobilisiert Energie, er verbindet uns mit dem, was uns wichtig ist. Wenn die Bedrohung jedoch das Verarbeitungssystem übersteigt, schaltet der Organismus um. Er kappt die Verbindung. Aus Schmerz wird Abwesenheit.
Diese Abwesenheit manifestiert sich als Desensibilisierung. Man funktioniert im Alltag weiter, erledigt seine Aufgaben, aber die emotionale Tiefe ist verschwunden. Francesetti beschreibt dies als eine „Psychopathologie der Situation“. Nicht das Individuum ist krank, sondern das Feld – also die Summe der Umweltbedingungen – ist so toxisch, dass das Individuum mit Betäubung reagiert. Das Problem an dieser Betäubung ist, dass sie selektiv nicht funktioniert. Wer sich gegen das Leid der Welt betäubt, betäubt sich zwangsläufig auch gegen Freude, gegen Intimität und gegen Lebendigkeit.
Resonanz-Souveränität beginnt daher mit einer paradoxen Handlung: der bewussten Wahrnehmung der eigenen Betäubung. Anstatt zu versuchen, künstlich positive Gefühle zu erzeugen, richtet man die Aufmerksamkeit auf die Leere. Man registriert faktisch: „Ich fühle mich taub. Ich fühle mich abgeschnitten.“ Diese Anerkennung der Abwesenheit ist der erste Schritt zurück in den Kontakt. Sie verwandelt den unbewussten Schutzmechanismus in eine bewusste Wahrnehmung. Das Ziel ist nicht, sich sofort besser zu fühlen, sondern den Zustand der „Abwesenheit“ in einen Zustand des „Leidens“ zu überführen. Denn Leiden ist, so zynisch es klingen mag, ein höheres Funktionsniveau als Taubheit. Im Leiden sind wir kontaktfähig. In der Taubheit sind wir isoliert.
Die Mechanik der Regulation: Titration und das Toleranzfenster
Sobald die Diagnose der Betäubung gestellt ist, benötigen wir Werkzeuge, um den Kontakt zur Welt wiederherzustellen, ohne sofort wieder in die Überwältigung zu geraten. Hier liefert die britische Traumatherapeutin Miriam Taylor die notwendige technische Grundlage. Sie übersetzt komplexe neurobiologische Vorgänge in anwendbare Strategien.
Das zentrale Modell ist das „Window of Tolerance“ (Toleranzfenster). Jeder Mensch verfügt über einen Bereich der neuronalen Erregung, in dem er Informationen verarbeiten und integrieren kann. Oberhalb dieses Fensters liegt die Hyperarousal-Zone (Panik, Wut, Aktionismus), unterhalb liegt die Hypoarousal-Zone (Erstarrung, Dissoziation, Depression). Krisennachrichten katapultieren das Nervensystem oft direkt aus diesem Fenster heraus. Resonanz-Souveränität bedeutet technisch gesehen nichts anderes, als das System innerhalb dieses Fensters zu halten.
Dies gelingt durch zwei spezifische Verfahren: Titration und Pendulation.
Titration ist ein Begriff aus der Chemie. Er beschreibt das tröpfchenweise Hinzufügen einer reaktiven Substanz, um eine Explosion zu verhindern. Übertragen auf den Medienkonsum und die Krisenwahrnehmung bedeutet dies eine radikale Fragmentierung des Kontakts. Der Fehler, den die meisten Menschen begehen, ist das „Flooding“ – das ungefilterte Einströmenlassen von Informationen. Sie scrollen stundenlang durch Newsfeeds (Doomscrolling) und zwingen ihr Nervensystem in den Dauerstress.
Titration verlangt, die Dosis massiv zu reduzieren. Man setzt sich der Realität der Krise bewusst aus, aber nur für einen streng limitierten Zeitraum – zum Beispiel fünf Minuten. Man liest einen Artikel, man sieht ein Bild. Dann stoppt man. Man prüft die körperliche Reaktion: Wird der Atem flach? Spannt sich der Nacken an? Sobald die physiologische Stressreaktion einsetzt, wird der Reiz entfernt.
Hier setzt der zweite Mechanismus ein: die Pendulation. Das Nervensystem muss lernen, zwischen Stress und Sicherheit zu schwingen. Nach der kurzen Exposition gegenüber der Krise (Stresspol) muss zwingend eine Zuwendung zu einer Ressource (Sicherheitspol) erfolgen. Dies ist keine esoterische Übung, sondern eine biologische Notwendigkeit, um den Parasympathikus zu aktivieren und das Stresshormon Cortisol abzubauen. Eine Ressource kann rein physikalisch sein: der Druck der Füße auf den Boden, das Gewicht des Körpers im Stuhl, der Blick auf eine neutrale Wand.
Resonanz-Souveränität zeigt sich darin, dass man diese Pendelbewegung aktiv steuert. Man geht in den Kontakt mit dem Schmerz der Welt, spürt die Erregung, und pendelt dann bewusst zurück in die körperliche Sicherheit, bis sich der Puls normalisiert. Erst dann erfolgt der nächste Tropfen Realität. Wer diese Technik beherrscht, kann langfristig auch schwere Themen verarbeiten, ohne abzustumpfen. Er trainiert sein Nervensystem wie einen Muskel, der Belastung aushält, solange die Regenerationsphasen eingehalten werden.
Die Ethik der Begrenzung: Response-ability statt Allmacht
Ein wesentlicher Faktor, der Menschen in der Polykrise krank macht, ist eine falsche Konzeption von Verantwortung. Wir fühlen uns moralisch verpflichtet, das Leid der Welt zu tragen oder zu lösen. Da dies faktisch unmöglich ist, entsteht ein chronisches Schuldgefühl, das in Burnout oder Zynismus mündet. Frank-M. Staemmler, einer der führenden Theoretiker der Gestalttherapie, bietet hier eine entscheidende Korrektur an.
Er dekonstruiert den Begriff der Verantwortung und führt ihn auf seinen Kern zurück: Response-ability. Wörtlich übersetzt: die Fähigkeit zu antworten. Verantwortung ist kein moralisches Gewicht, das man trägt, sondern eine Tätigkeit, die man ausübt. Resonanz-Souveränität verlangt eine präzise Unterscheidung zwischen der abstrakten „globalen Verantwortung“ (die oft eine narzisstische Überforderung ist) und der konkreten „Antwortfähigkeit“.
Das Leiden entsteht oft aus der Diskrepanz zwischen dem Anspruch und der Wirklichkeit. Wir sehen das Elend in einem Kriegsgebiet und unser Anspruch ist: „Das darf nicht sein, ich muss das stoppen.“ Unsere Wirklichkeit ist: Wir sitzen am Frühstückstisch und können nichts tun. Diese Spannung zerreißt uns. Staemmler plädiert dafür, den Fokus radikal auf den Bereich zu legen, in dem eine echte Antwort möglich ist.
Eine Antwort ist eine interaktive Handlung. Mitleid allein ist keine Antwort, es ist ein Gefühl. Eine Antwort manifestiert sich in einer Tat oder einem Wort, das ein Gegenüber erreicht. Das kann im mikrosozialen Bereich liegen: Wie gehe ich mit meinem Nachbarn um? Wie rede ich mit meinen Kindern über die Angst? Wie verhalte ich mich in meinem direkten Arbeitsumfeld?
Staemmler führt zudem das Konzept des „Sozialen Selbst“ ein. Wir sind keine isolierten Individuen, unsere Identität konstituiert sich durch Zugehörigkeit. In der Krise tendieren Menschen zur Isolation, weil sie sich ihrer Angst oder Ohnmacht schämen. Dies ist ein fataler Fehler. Das Soziale Selbst benötigt Resonanz durch andere, um stabil zu bleiben. Wenn ich meine Angst isoliert erlebe, wirkt sie pathologisch. Wenn ich sie teile und merke, dass mein Gegenüber ähnlich empfindet, wird sie zu einem sozialen Phänomen. Die Last verteilt sich.
Resonanz-Souveränität bedeutet auf dieser Ebene: Ich begrenze meine Zuständigkeit auf den Radius meiner Wirksamkeit. Ich akzeptiere, dass ich auf globale Ereignisse oft keine direkte Antwort geben kann. Ich halte diese Ohnmacht aus – Staemmler nennt dies „kultivierte Ungewissheit“ – und konzentriere meine Energie stattdessen auf die Felder, wo meine Handlung eine Resonanz erzeugt. Das ist keine Flucht vor der Weltverantwortung, sondern die Voraussetzung dafür, überhaupt handlungsfähig zu bleiben. Wer versucht, alles zu retten, rettet niemanden. Wer präzise antwortet, verändert die Realität.
Der Motor der Handlung: Aggression als Kontaktsuche
Der vielleicht wichtigste Aspekt der Resonanz-Souveränität betrifft den Umgang mit der eigenen Energie. In Krisenzeiten fühlen sich viele Menschen schwach, depressiv und energielos. Albrecht Boeckh liefert hierzu eine brillante Analyse, die auf einer Umdeutung des Aggressionsbegriffs basiert.
Im allgemeinen Sprachgebrauch ist Aggression negativ konnotiert; wir setzen sie mit Gewalt und Zerstörung gleich. Die Gestalttherapie geht jedoch auf den lateinischen Ursprung ad-gredere zurück, was wörtlich „auf etwas zugehen“ oder „etwas in Angriff nehmen“ bedeutet. Aggression ist in diesem Sinne die vitale Energie, die notwendig ist, um die Umwelt zu kontaktieren, Hindernisse zu überwinden und Bedürfnisse zu befriedigen. Essen ist ein aggressiver Akt (man muss zubeißen), Arbeiten ist ein aggressiver Akt (man verändert Material).
Das Problem in der Polykrise ist nicht zu viel Aggression, sondern gehemmte Aggression. Wenn wir uns ohnmächtig fühlen, wird der Impuls, auf die Welt einzuwirken (ad-gredere), blockiert. Die Energie verpufft aber nicht. Sie richtet sich nach innen. Dieser Mechanismus heißt Retroflexion. Die Wut auf die Zustände, die Energie zur Veränderung, wendet sich gegen das eigene Selbst. Wir machen uns Vorwürfe, wir werten uns ab, wir werden depressiv. Depression ist in diesem Modell oft nichts anderes als eine Autoaggression – ein Krieg gegen sich selbst, statt einer Handlung in der Welt.
Resonanz-Souveränität erfordert daher die Rückgewinnung der „kritischen Vitalität“. Wir müssen lernen, die depressive Lähmung als unterbrochene Handlung zu lesen. Die therapeutische und praktische Aufgabe besteht darin, die Richtung der Energie wieder umzudrehen: von innen nach außen.
Das bedeutet konkret, die passiven Gefühle von Angst und Betäubung in aktive Handlungen zu übersetzen. Dabei ist die Größenordnung der Handlung zweitrangig. Es geht um die neurobiologische Erfahrung von Selbstwirksamkeit. Wer einen Leserbrief schreibt, wer auf eine Demonstration geht, wer eine Spendenaktion organisiert oder auch nur im privaten Kreis klar Stellung bezieht, vollzieht den Akt des ad-gredere. Er greift in die Welt ein.
Dieser Schritt löst die Erstarrung. Handeln ist das wirksamste Antidepressivum in politischen Krisen. Es geht hierbei nicht primär um den Erfolg der Handlung (ob der Leserbrief die Politik ändert, ist fraglich), sondern um die psychohygienische Funktion der Handlung für das Subjekt. Indem ich handle, trete ich aus der Rolle des Opfers heraus und werde zum Akteur. Ich stelle den Kontakt zur Welt wieder her, nicht als Erleidender, sondern als Gestaltender.
Eine besondere Gefahr ist hierbei die Deflektion (Ausweichen). Um Konflikte zu vermeiden, weichen wir oft auf Ersatzhandlungen aus – wir diskutieren über Belanglosigkeiten, wir ironisieren die Situation oder flüchten in Zynismus. Zynismus ist enttäuschte Idealität, die aufgegeben hat zu kämpfen. Resonanz-Souveränität bedeutet, die Spannung des Konflikts auszuhalten und die eigene Position klar zu vertreten, auch wenn dies Reibung erzeugt. Reibung ist Kontakt. Harmonie durch Ausweichen ist Isolation.
Die Synthese: Ein Protokoll der Anwesenheit
Fassen wir die Strategie der Resonanz-Souveränität zusammen. Es handelt sich nicht um einen Zustand der Erleuchtung oder der dauerhaften Entspannung. Es ist ein dynamischer Prozess, eine Arbeit, die täglich neu geleistet werden muss. In der Polykrise ist psychische Gesundheit kein statischer Besitz, sondern eine fortlaufende Navigationsleistung.
Das Protokoll für diese Navigation lässt sich in vier imperativen Schritten formulieren, die jeder Leser sofort anwenden kann:
- Erkennen Sie die Abwesenheit: Wenn Sie sich stumpf, leer oder unbeteiligt fühlen, interpretieren Sie dies nicht als Charakterfehler, sondern als Notabschaltung Ihres Systems. Nehmen Sie die Betäubung wahr. Sie ist der Beweis, dass das Feld Sie beeinflusst. Akzeptieren Sie den Schmerz über den Kontaktverlust als ersten Schritt der Wiederverbindung.
- Regulieren Sie den Zufluss (Titration): Verweigern Sie sich dem „Binge-Watching“ von Katastrophen. Konsumieren Sie Informationen in homöopathischen Dosen. Öffnen Sie das Fenster zur Welt, schauen Sie hinaus, und schließen Sie es wieder, sobald Sie merken, dass Ihr Toleranzfenster verlassen wird. Nutzen Sie die Zeit dazwischen für die bewusste körperliche Verankerung (Pendulation). Ihr Körper ist der Anker, der verhindert, dass Sie vom Strom der Informationen weggerissen werden.
- Definieren Sie Ihre Reichweite: Unterscheiden Sie präzise zwischen den Problemen der Welt und Ihrer Fähigkeit zu antworten (Response-ability). Befreien Sie sich von der narzisstischen Idee, Sie müssten die Welt retten. Konzentrieren Sie sich auf die konkreten Antworten, die Sie in Ihrem sozialen Nahfeld geben können. Suchen Sie Verbündete. Isolation ist der Feind der Resilienz; geteilte Ohnmacht ist bereits der Beginn von Macht.
- Mobilisieren Sie Ihre Aggression: Verwandeln Sie die Energie, die Sie für Selbstvorwürfe oder das Unterdrücken von Angst aufwenden, in gerichtete Aktivität. Gehen Sie auf die Welt zu (ad-gredere). Tun Sie etwas, egal wie klein, das Ihre Werte in der Welt sichtbar macht. Handeln bricht die Depression.
Das Ziel dieses Prozesses ist es, in einer Welt, die fragmentiert und chaotisch wirkt, eine funktionale Einheit zu bleiben. Resonanz-Souveränität erlaubt uns, berührbar zu bleiben, ohne zu zerbrechen. Sie ist die Weigerung, sich entweder in einen Bunker zurückzuziehen oder im Chaos unterzugehen. Es ist die Entscheidung, inmitten des Sturms stehen zu bleiben – wach, begrenzt, verletzlich, aber handlungsfähig.
Wer diese Kompetenz entwickelt, bietet nicht nur sich selbst Schutz, sondern wird auch zu einer Ressource für andere. In einer Zeit der kollektiven Dysregulation ist derjenige, der sich selbst regulieren kann, der stabilisierende Faktor im System. Das ist der wahre Mehrwert der Auseinandersetzung mit der Krise: Wir lernen eine Form der Anwesenheit, die in ruhigen Zeiten weder notwendig noch möglich gewesen wäre. Die Polykrise zwingt uns zu einem Upgrade unserer psychischen Software. Resonanz-Souveränität ist dieses Upgrade.



