Wenn „Passt scho“ nicht mehr passt
„Passt scho“ kennt in der Region Rosenheim wohl jeder. Auf die Frage „Wie geht’s?“ kann es heißen: alles gut. Es kann aber auch heißen: Darüber möchte ich nicht reden. Männer nehmen seltener psychotherapeutische oder psychiatrische Hilfe in Anspruch als Frauen (Barmer), und viele suchen sie erst spät (Psychotherapeutenkammer Berlin). Das liegt auch an Rollenbildern und daran, dass eine Depression bei Männern nicht immer nach Depression aussieht. Hier lesen Sie, woran Sie das erkennen und wo in Rosenheim ein erster Schritt möglich ist.
Seltener diagnostiziert heißt nicht unbedingt seltener betroffen
Innerhalb eines Jahres erhalten etwa 11 Prozent der Frauen, aber nur knapp 5 Prozent der Männer die Diagnose einer unipolaren Depression (Barmer). Diese Zahlen zeigen Diagnosen, nicht unbedingt die tatsächliche Häufigkeit. Die Stiftung Warentest hält es für wahrscheinlich, dass Depressionen bei Männern schlicht seltener erkannt werden.
Eine andere Zahl zeigt, wie ernst das Thema ist: 2025 starben in Deutschland 11.334 Menschen durch Suizid, darunter 7.846 Männer (Statistisches Bundesamt). Das sind rund sieben von zehn.
Wenn Sie selbst an Suizid denken: Sie müssen damit nicht allein bleiben. Der Krisendienst Psychiatrie Oberbayern ist rund um die Uhr und kostenfrei unter 0800 655 3000 erreichbar. Bei Lebensgefahr wählen Sie die 112.
Depression bei Männern zeigt sich nicht immer als Traurigkeit
Wer an Depression denkt, denkt meist an Niedergeschlagenheit und Antriebslosigkeit. Bei Männern zeigt sie sich oft anders, nämlich nach außen gerichtet. Fachleute sprechen dann von „Male Depression“. Laut einer von der Barmer genannten Studie zeigt gut ein Drittel der betroffenen Männer dieses Bild, etwa vier von zehn gemischte Anzeichen und rund ein Viertel die typischen. Viele gängige Fragebögen erfassen die männertypischen Anzeichen nicht, sodass sie auch in der Arztpraxis übersehen werden können.
Das kann auffallen:
- ungewohnte Reizbarkeit, Wut oder Aggression
- riskantes Verhalten, zum Beispiel beim Autofahren
- mehr Alkohol oder andere Drogen
- Rückzug von Freunden und Familie, oder Ablenkung über viele Stunden, etwa mit Videospielen
- gedrückte Stimmung und wenig Interesse an fast allem, an fast allen Tagen und über mindestens zwei Wochen
Eine Diagnose ergibt sich aus einer solchen Liste nicht. Sie kann aber ein Anlass sein, genauer hinzusehen. Weitere Anzeichen beschreibt der Beitrag zu den Frühwarnsignalen psychischer Belastungen. Mehr zur Erkrankung selbst lesen Sie im Beitrag Depressionen: Vom Rückzug zur Expansion.
Warum der Schritt zur Hilfe so schwerfällt
Eine britische Übersichtsarbeit hat 45 Untersuchungen ausgewertet, überwiegend kleinere Interviewstudien. Sie nennt drei Hauptgründe. Hilfe anzunehmen, passt für viele Männer nicht zu ihrem Bild von Stärke und Unabhängigkeit, das löst Scham oder Angst aus. Psychotherapie gilt manchen als „weiblich“, auch weil es wenige männliche Therapeuten gibt und so viel über Gefühle gesprochen wird. Und viele sitzen Probleme aus, ziehen sich zurück oder überdecken sie, etwa mit Alkohol.
Die Studien sagen nichts speziell über Bayern. Aber das „Passt scho“ beschreibt es gut: Es beendet ein Gespräch freundlich, bevor es unangenehm wird.
Was den ersten Schritt kleiner macht
Niemand muss gleich eine Therapie beginnen oder große Worte finden. Oft ist ein kleiner Schritt ein guter Anfang.
In der Hausarztpraxis ansprechen. In einer 2014 veröffentlichten Befragung hatten 17,7 Prozent der Männer und 29,1 Prozent der Frauen in den zwölf Monaten davor beim Arztbesuch psychische Belastungen besprochen, meist mit dem Hausarzt. Ein Satz genügt, zum Beispiel: „Ich bin seit Wochen dauernd gereizt und komme nicht mehr zur Ruhe.“ Dort lässt sich auch klären, ob etwas Körperliches dahintersteckt.
Das Gegenüber bewusst wählen. Manche Männer sprechen lieber mit einem Mann, andere lieber mit einer Frau. Beides ist in Ordnung, und danach dürfen Sie auswählen.
Sagen, was ist. Sie müssen nicht wissen, was Sie fühlen. „Ich weiß nicht, was los ist“ ist ein brauchbarer Anfang. In der Gestalttherapie, mit der ich arbeite, geht es viel um das, was gerade da ist, also auch um Anspannung, Ärger oder Schweigen. Inzwischen gibt es laut Stiftung Warentest auch Kliniken mit eigenen Therapieangeboten für Männer.
Wo Sie in Rosenheim anfangen können
- Akute Krise: Krisendienst Psychiatrie Oberbayern unter 0800 655 3000, rund um die Uhr. Bei Lebensgefahr die 112.
- Erste Einschätzung: Ihre Hausarztpraxis.
- Alkohol oder andere Suchtmittel: neon – Prävention und Suchthilfe Rosenheim in der Ruedorfferstraße 9, Telefon 08031 30 42 300. Die Beratung richtet sich auch an Angehörige.
- Beratung bei psychischen Problemen: der Sozialpsychiatrische Dienst der Caritas in der Münchener Straße 24, Telefon 08031 20380.
- Ein erstes Gespräch: In meiner Privatpraxis für Psychotherapie in Rosenheim (HeilprG) in der Gießereistraße 6 können Sie ein kostenloses telefonisches Erstgespräch von 15 bis 20 Minuten buchen. Es verpflichtet Sie zu nichts. Die weitere Behandlung bezahlen Sie selbst, die Preise stehen auf der Seite Honorar.
- Therapieplatz über die Krankenkasse: Den Weg beschreibt der Wegweiser Therapieplatz in Rosenheim finden.
Weitere Stellen finden Sie in der Übersicht der Anlaufstellen in Rosenheim.
Wenn Sie sich um einen Mann sorgen
Vielleicht lesen Sie das hier wegen Ihres Partners, Vaters, Bruders oder Kollegen. Fachleute raten laut Barmer zu Geduld und dazu, auf Vorwürfe und Druck zu verzichten. Es kann helfen, Informationen bereitzulegen und zu sagen, was Sie beobachten, ohne eine Diagnose zu stellen. Zum Beispiel: „Du bist seit Wochen so still, und das macht mir Sorgen.“
Befürchten Sie, dass er an Suizid denkt, sprechen Sie das offen an. Wegzuschauen wäre falsch, und Betroffene erleben eine solche Nachfrage meist als Entlastung (Neurologen und Psychiater im Netz). Therapeut müssen Sie dabei nicht sein. Es reicht, gemeinsam Hilfe zu holen. Der Krisendienst unter 0800 655 3000 ist ausdrücklich auch für Angehörige da, bei Lebensgefahr gilt die 112.
Häufige Fragen zur Depression bei Männern
Woran erkenne ich eine Depression bei Männern?
Neben gedrückter Stimmung und Interessenverlust können Reizbarkeit, Wut, riskantes Verhalten, mehr Alkohol und Rückzug Hinweise sein. Eine Diagnose kann nur eine Fachperson stellen.
Ist „Male Depression“ eine eigene Diagnose?
Nein. Der Begriff beschreibt, wie sich eine Depression bei manchen Männern zeigt. Er ist keine eigene Diagnose.
Mein Mann will weder zum Arzt noch in eine Therapie. Was kann ich tun?
Sprechen Sie an, was Sie beobachten, und setzen Sie ihn nicht unter Druck. Sie können sich auch selbst beraten lassen. Besteht akute Gefahr, rufen Sie die 112.
Muss ich in einer Therapie über Gefühle reden können?
Nein, das müssen Sie nicht schon können. Sie dürfen gleich am Anfang sagen, dass Ihnen das schwerfällt.
Wo bekomme ich in Rosenheim schnell Hilfe?
In einer Krise beim Krisendienst Psychiatrie Oberbayern unter 0800 655 3000, rund um die Uhr. Bei Lebensgefahr wählen Sie die 112. Außerhalb einer Krise ist die Hausarztpraxis eine gute erste Adresse.
Disclaimer
Dieser Artikel dient ausschließlich der neutralen Information und psychologischen Aufklärung. Er ersetzt keinesfalls eine professionelle medizinische oder psychotherapeutische Diagnostik, Beratung oder Behandlung. Wenden Sie sich bei gesundheitlichen oder psychischen Beschwerden stets an einen qualifizierten Arzt, Heilpraktiker für Psychotherapie oder approbierten Psychotherapeuten. In akuten Krisen erreichen Sie den Krisendienst Psychiatrie Oberbayern rund um die Uhr unter 0800 655 3000, bei Lebensgefahr die 112.